Verschollen im Allgäu

Bericht von einem Überlandflug aus früherer Zeit

von Herbert Schötz, ältester aktive Flieger der LSB

(Der Bericht sollte unsere Jugend motivieren, den Streckenflug auch mit dem Risiko einer Aussenlandung anzugehen. Erlebnisse unterschiedlichster Art werden sich ergeben.)

Im Juni 1992 flogen wir mit unseren Segelfliegern, Rolf von Berg mit seiner LS 1 und ich mit meiner DG 300 über Land. Im Allgäu musste ich aussenlanden, während Rolf 100 m höher war und wieder Anschluss bekam. Ich landete in einer hochgewachsenen Wiese bei dem kleinen Dorf Kimratshofen.

Erste Pflicht eines Aussenlanders ist ja, sich telefonisch bei den Rückholern zu melden und einen Treffpunkt, am besten ein Gasthaus, zu vereinbaren. Durch widrige Umstände hat das bei mir nicht so richtig geklappt.

In einem Vorgarten war eine Taufgesellschaft am Kaffeetrinken und ich fragte, ob es hier ein Gasthaus gäbe, wo ich telefonieren und auf meine Rückholer warten könne. Ja, es gibt das Gasthaus „Fässle“, aber telefonieren solle ich bei ihnen und auch gleich mit ihnen Kaffe trinken. Ich telefonierte also mit meinen Rückholern, Treffpunkt  Gasthaus „Fässle“.

Das große Kuchenbuffet war ein Labsal für meine angeschlagene Segelfliegerseele, zumal es anschließend noch 2 Allgäuer Kräuterschnäpse gab.

Nun ist ja so ein Segelflieger in einer mähbereiten Wiese ein Fremdkörper, der mit dem Bauern zu Differenzen über den Wert von geknickten Grashalmen führen kann. Ich bat daher die Taufgesellschaft, mir zu helfen, meinen Vogel aus der Wiese zu schieben. Die waren nach so viel Essen für etwas Bewegung dankbar, und so wanderten wir, gefolgt von der gesamten Dorfjugend, zu meinem Aufschlagplatz und schoben den Flieger an den Straßenrand.

Ein pfiffiger Allgäuer machte den Vorschlag, den Flieger doch gleich auf der verkehrslosen Landstraße  ins Dorf zu schieben. Das war mir recht, schon allein, um Abstand zur breiten in die Wiese getrampelten Schneise zu schaffen.

Kaum waren wir auf der Straße unterwegs, gerieten wir in Bedrängnis durch starkes Verkehrsaufkommen von beiden Seiten. Mit einem Dutzend Schiebepersonal, die Flügel quer über die Straße, kämpften wir uns beharrlich in Richtung Dorf. Die Allgäuer Kraftfahrer verhielten sich erstaunlich friedlich: vorne wendeten sie und gingen im Dorf in Stellung. Hinter uns rückten 30 Autos und Motorräder nach. Für mein Personal war das eine Mordsgaudi. Für mich nicht, denn Autoinsassen waren ausgestiegen und wollten ihre Solidarität mit uns durch kräftiges Schieben am Höhenleitwerk bekunden. Am Dorfrand stellten wir meinen Flieger an der Käserei ab.

Nun wollte ich zum „Fässle“, um meinen Rückholern die neue Position „Käserei“ zu melden. Da war aber der Käsemeister. Er werkelte an einem alten Messerschmitt-Kabinenroller aus den fünfziger Jahren und hatte daher einen Drang in enge Kabinen. Er wollte unbedingt vorher eine Sitzprobe in meinem Flieger nehmen. Der Mann war nicht mehr aus dem Cockpit zu kriegen. Über eine Stunde lang musste ich ihm Steuerung, Instrumente und Bordrechner erklären, einschließlich eingehendem Kartenstudium. Mit gemischten Gefühlen nahm ich anschließend den Wunsch seiner Frau entgegen, ebenfalls eine Sitzprobe zu nehmen, denn sie war wirklich sehr dick. Wie befürchtet, saß ihr breites Becken auf der Kabinenkante auf. Gemeinsam wuchteten wir die gute Frau wieder in die Senkrechte und ich checkte unauffällig die Rumpfschale, ob sie den Druck von so viel Käsemeistersgattinmaterial schadlos überstanden hatte. Der Käsemeister wollte sich für so viele neue Eindrücke bei mir mit einer Führung durch die Käserei bedanken, vorher gab es zwei Allgäuer Kräuterschnäpse. In einem Intensivkurs lernte ich, wie man auf Käselaibe klopfen muss, um den Reifegrad zu ermitteln und erfuhr auch, dass eine Käsereibesichtigung immer mit einem Allgäuer Kräuterschnaps abgeschlossen wird. In meinem Fall kam noch einer dazu, um die neue Duzfreundschaft mit dem Käsemeisterehepaar zu besiegeln.

Danach war scheinbar bei mir der Zeitbegriff verschoben. Anstatt endlich im  „Fässle“ meine Positionsmeldung abzugeben, folgte ich der Einladung des Försterbuben zum Abendessen. Im Försterhaus gab es viele Geweihe und ein deftiges Allgäuer Schinkenvesper mit Bier und wieder einem Allgäuer Kräuterschnaps zur besseren Verdauung. Der große Jagdhund des Försters hatte einen sentimentalen Hang zu Segelfliegern. Er stellte sich immer wieder mit den Pfoten auf meine Knie und fuhr mir mit seiner großen nassen Zunge voll übers Gesicht.

In diese heimelige Atmosphäre platzte ein halbwüchsiger Allgäuer mit einer alarmierenden  Meldung. An der Käserei täte sich was: eine Frau und ein junger Mann montieren meinen Flieger auseinander. Plötzlich meiner Unterlassungssünde bewusst, spurtete ich zur Käserei, wo mein Flieger von meiner Frau und meinem Schwiegersohn bereits abgebaut und halb verladen war. Die Arbeit ging dort zügig und wortlos voran, ich wurde völlig ignoriert.

Die Rückholmannschaft hatte sich im „Fässle“ nach dem hier gelandeten Segelflieger erkundigt. Nach der Auskunft, hier wäre noch nie ein Segelflieger gelandet, war man leicht irritiert. Kundige Segelfliegerfrauenaugen suchten alle möglichen und unmöglichen Landefelder in der näheren und bald auch in der weiteren Umgebung nach meinem weißen Vogel ab. Allmählich nicht nur leicht irritiert, sondern stark frustriert stieg die Mannschaft zu einem letzten Rundblick auf einen Hügel. Hier sahen sie einen weißen Strich zwischen den Häusern, welcher Teil eines Flügels sein konnte und fanden so mein von der Besatzung verlassenes Flugzeug bei der Käserei liegen.

Die Heimfahrt verbrachte ich bei völliger Funkstille auf dem Rücksitz, denn das Verhältnis zu den Rückholern war getrübt. Ich träumte von der Allgäuer Gastfreundschaft, der dicken Käsemeistersgattin, dem liebesbedürftigen Försterhund und den vielen guten Allgäuer Kräuterschnäpsen.

Herbert Schötz, ältester aktive Flieger der LSB

 

4 Kommentare:

  1. Toll geschrieben, Herbert! – Ich kannte die Story ja schon von Deinen Erzählungen am Flugplatz, aber schriftlich macht sie sogar noch mehr her! – Würde mir noch mehr solcher Zeitzeugnisse von Dir wünschen! – Merci, Henry

  2. Henry, Du könntest ja auch mal einen Bericht von einer Deiner Aussenlandungen schreiben. Ich denke z. B. über Deine Erlebnisse mit dem kritischen Bauern auf der Alb. Herbert

  3. Jutta und Hermann

    Ein herzerfrischender Bericht, lieber Herbert, er erinnert uns im Schreibstil an den britischen Bestsellerautor Peter Mayle. Man meint, man wäre dabeigewesen. Vielen Dank!

    Jutta und Hermann

  4. Lieber Herbert! Ja,Ja so bist Du,wenn Du auf nette und hilfsbereite Menschen triffst vergisst Du alles ,selbst Deine Frau.Weiterhin immer guten Flug

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